Nahtoderfahrung (Eine von mehreren Flash Fiction Storys die im Zuge einer Autorenarena 2023 in Facebook entstanden ist) Mel versuchte noch auszuweichen, doch der Radfahrer erwischte sie genau vor ihrer Haustür. Sie stolperte nach hinten, fiel und knallte mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante. Sie spürte regelrecht, wie ihre Sinne schwanden und ihr Herz aufhörte zu schlagen. Bilder schossen durch ihren Kopf. Sie als Baby, wie sie in Mutters Armen lag. Als Kleinkind spielend im Garten hinter dem Haus. Im jugendlichen Alter, als ihre Freunde und sie eine Band gründeten. Moment! Eine Band? Sie hatte nie in einer Band gespielt. Sie sah Bilder im Erwachsenenalter, ihre erste Liebe. Der kommt mir aber gar nicht bekannt vor, dachte Mel. Dann etwas Entscheidendes. Sie fing an zu arbeiten, machte eine Lehre bei der Post. Bei der Post?? Sie war doch niemals bei der Post! Weitere Bilder überschütteten ihren Kopf. Ein Mann trat in ihr Leben und sie verliebte sich. Oh, ja, das kam ihr bekannt vor. Der Mann war ihr Ehemann George. Wieder Bilder die vor ihr abliefen. Eine Wohnung, mit Blick auf die Stadt. Mel sah diese Bilder und ihr Verstand versuchte einen Sinn darin zu finden. Doch was war das? Bis auf ihren Ehemann war nichts richtig in diesem Ablauf. Das letzte Bild, dass sie sah, war ihr Spiegelbild, doch es war nicht ihr Spiegelbild, sondern das von einer anderen Frau. Von einer Frau die sie kannte. Es war ihre Postbotin. Ein Ruck ging durch ihren Körper und das Spiegelbild verschwamm vor ihren Augen. Ein grelles Licht blendete sie und ein paar aufgeregte Stimmen schwirrten um sie herum. "Sie ist wieder bei uns!" rief eine weibliche Stimme erleichtert. Sie kannte diese Stimme, aber konnte sie nicht zuordnen. Als sie ihre Augen ein zweites Mal öffnete, blickte sie zuerst in das Gesicht eines jungen Sanitäters, danach in ein Frauengesicht, ein Gesicht, das sie kannte, und zwar sehr gut kannte. In ihrem Inneren begann es zu brodeln und blanke Wut überschüttete ihr Gehirn. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte diese Frau erwürgt. Doch ihr Kopf tat weh und ihre Brust brannte höllisch. "Schön, dass du wieder bei uns bist Mel", sagte die Frau, die Mel unter dem Namen Nadja kannte. Nadja Polovski, ihre Postbotin und beste Freundin. Langsam rappelte sich Mel auf. Nadja versuchte sie zu stützen, doch Mel stieß ihren Arm zur Seite und blickte sie böse an. Nadja schaute verwundert. Warum ist ihre Freundin denn so? Der Sanitäter brachte sie zum Krankenwagen um ihren Zustand noch einmal zu checken, doch es schien alles in Ordnung zu sein. "Sie sollten sich auf alle Fälle von ihrem Hausarzt ansehen lassen, sie waren für eine ganze Minute tot"! Mel sah den Mann erstaunt an. Tot? Oh, deshalb diese seltsamen Bilder die sie nicht zuordnen konnte. Nadja kam näher und blickte ihre Freundin liebevoll an. "Was ist los Mel? Warum bist du so … so abweisend?" Einige Sekunden schaute Mel in das Gesicht ihrer Freundin, dann sprach sie. "Vor meinen Augen lief ein ganzes Leben ab, nur war es nicht mein Leben, es war dein Leben. Ich sah deine Geburt, deine Kindheit und deine Jugend. Deine Lehre bei der Post und einen Mann. Es war aber nicht irgendein Mann, es war mein Mann." Mel seufzte. "Nadja, hast du eine Affäre mit meinem Mann George?" Nadja lächelte plötzlich. "Nein, ich habe keine Affäre mit deinem Mann George. Ich habe eine Beziehung mit einem Mann, der deinen verblüffend ähnlich sieht. Seit ungefähr vier Wochen. Doch ich wollte dir erst etwas davon erzählen, wenn ich sicher war, dass diese Beziehung auch was Ernstes ist. Er heißt Liam, ist aus Irland und wohnt erst seit einem halben Jahr hier in unserer Stadt." Mel machte große Augen und zog ihre Augenbrauen in die Höhe. "Er sieht aus wie George?", fragte sie erstaunt. "Ja, aber er hatte vor kurzem noch einen Vollbart. Da hab ich es nicht so recht erkannt. Erst als er wegen eines neuen Jobs seinen Bart abrasiert hatte, war er plötzlich George!" "Das ist seltsam. George hat mir am Beginn unserer Beziehung erzählt, dass er adoptiert wurde und seine leiblichen Eltern aus Irland stammen würden." Mel und Nadja sahen sich in die Augen. "Denkst du auch, was ich grade denke?" fragte Nadja. "Ich denke ja!" Noch am gleichen Abend stellten sie die Männer einander vor, und wie sich herausstellte, waren sie Zwillinge und als Babys getrennt worden. © by Michaela Brenner 2023
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