Bilder der Vergangenheit
Virginia
setzte
sich
erschöpft
auf
die
nächste
Parkbank.
Heute
hatte
sie
sich
eindeutig
zu
viel
zugemutet.
Es
war
zwar
jedes
Mal
wunderschön,
durch
den
Bidwell
Park
zu
laufen,
aber
nach
einer
gerade
überstandenen
Grippe
war
die
große
Joggingrunde
nicht
wirklich
optimal
gewesen.
Sie
atmete
tief
durch
und
ihre
Beine
hörten
langsam
auf
zu
zittern.
Mit
geschlossenen
Augen
lehnte
sie
sich
an
die
verwitterte
Rückwand
der
Bank
und
ließ
ihre
Arme
links
und
rechts
an
ihrem
Körper
herunterhängen.
Ihre
rechte
Hand
landete
auf
etwas,
was
nicht
zu
der
Bank
zu
gehören
schien.
Sie
öffnete
ihre
Augen
und
sah
hinunter.
Neben
ihr
lag
ein
Smartphone.
Virginia
nahm
es
auf
und
betrachtete
es
interessiert.
Hat
wohl
jemand
hier
vergessen,
dachte
sie
und
legte
es
wieder
zurück
auf
die
Bank.
Sie
überlegte.
Sollte
sie
es
mitnehmen
und
ins
Fundbüro
bringen?
Oder
es
einfach
liegen
lassen?
Schließlich
entschied
sie
sich
fürs
Fundbüro,
nachdem
nach
guten
zwanzig
Minuten
niemand
aufgetaucht
war,
um
es
abzuholen.
Im
Park
begegneten
ihr
kaum
Menschen
und
während
sie
ihn
langsam
verließ,
begutachtete
sie
das
Smartphone
genauer.
Sie
tippte
auf
das
Display,
das
zu
ihrem
Erstaunen
nicht
gesperrt
war.
Sie
wischte
nach
rechts
und
öffnete
die
Fotogalerie.
Vielleicht
konnte
sie
anhand
der
Fotos
erkennen,
wem
das
Handy
gehörte.
Doch
als
sie
die
ersten
Bilder
sah,
wurde
ihr
schwindlig
und
sie
setzte
sich
rasch
an
eine
Bushaltestelle,
die
sich
neben
dem
Park
befand.
Auf
dem
ersten
Bild
waren
ihr
Vorgarten
und
ihr
Haus
abgebildet.
Als
sie
weiterblätterte,
erkannte
sie
sich
selbst.
Auf
beinahe
jedem
Foto
war
sie
abgelichtet.
Bei
der
Arbeit
im
Garten,
beim
Shoppen
im
großen
Einkaufscenter,
beim
Kaffeetrinken
in
ihrem
liebsten
Café,
beim
Plaudern
mit
ihrer
Nachbarin
Elsa
und
bei
einem
Treffen
mit
ihrer
besten
Freundin
Hanna.
Virginia
begann
zu
zittern.
Das
Handy
fiel
ihr
aus
der
Hand
und
landete
auf
ihrem
rechten
Turnschuh,
bevor
es
mit
einem
Klonk
auf
die
Straße
fiel.
Was
geht
hier
vor?
Gedankenverloren
hob
sie
das
Handy
wieder
auf,
erhob
sich
und
nahm
den
nächsten
Bus
nach
Hause.
Auf
dem
Weg
zu
ihrem
Haus
glaubte
sie,
an
jeder
Ecke
Schatten
zu
sehen.
Als
Virginia
die
Haustür
aufschloss,
sah
sie
sich
verstohlen
um.
War
ihr
jemand
gefolgt?
Das
Gefühl,
beobachtet
zu
werden,
wuchs
von
Minute
zu
Minute.
Sie
betrat
ihr
Haus,
schloss
die
Eingangstür
hinter
sich
und
lehnte
sich
mit
geschlossenen
Augen
dagegen.
Hier
fühlte
sie
sich
sicher.
Nach
einer
ausgiebigen
Dusche
und
sinnlosen
Gedanken,
die
in
ihrem
Kopf
auf
und
ab
liefen,
nahm
sie
sich
das
fremde
Smartphone
nochmal
vor.
Immer
wieder
betrachtete
sie
die
Bilder.
Schließlich
fingerte
sie
ihren
Laptop
aus
ihrem
alten,
löchrigen
Rucksack,
schaltete
ihn
ein
und
begann
zu
recherchieren.
Sie
versuchte
anhand
der
restlichen
Bilder,
auf
denen
verschiedene
Gebäude
zu
sehen
waren,
herauszufinden,
wo
sie
aufgenommen
worden
waren.
Den
ganzen
restlichen
Tag
forschte
sie
nach,
doch
sie
entdeckte
nichts,
was
ihr
einen
Hinweis
auf
den
Besitzer
des
Handys
gab.
Sie
fühlte
sich
hilflos
und
allein.
Sollte
sie
zur
Polizei
gehen
und
den
Fall
melden?
Aber
was
können
die
schon
großartig
tun?
Virginia
verwarf
den
Gedanken
gleich
wieder.
Es
war
ein
Prepaid-Handy
Und
somit
konnte
man
den
Besitzer
nicht
einfach
ausfindig
machen.
Außerdem
müsste
schon
mehr
passieren,
damit
die
Polizei
Nachforschungen
veranlasste.
Virginia
wusste
das,
also
beschloss
sie,
auf
ihre
beste
Freundin
Hanna
zu
warten,
die
bald
wieder
von
ihrer
Urlaubsreise
zurückkehren
würde.
Am
nächsten
Tag
versuchte
Virginia
sich
abzulenken,
indem
sie
einen
Spaziergang
durch
die
Stadt
machte.
Gedankenverloren
sah
sie
in
das
Schaufenster
einer
kleinen
Boutique.
Im
Fenster
spiegelte
sich
ein
Mann,
der
mit
schnellen
Schritten
auf
sie
zukam.
Mit
klopfendem
Herzen
wandte
sie
sich
um,
doch
zu
ihrem
Erstaunen
war
es
bloß
ihr alter Jugendfreund Benjamin Meyers. Mit einem breiten Lächeln blickte er auf sie hinunter.
„Virginia! Lange nicht gesehen.“ Herzlich drückte er sie an sich.
„Oh, hallo, Ben!“ Virginias rasender Puls beruhigte sich allmählich wieder.
„Wie geht es dir? Du siehst gut aus.“
„Danke,
Ben,
du
aber
auch.
Was
machst
du
hier?
Ich
meine,
was
machst
du
hier
in
dieser
Stadt?
Wolltest
du
nicht
auf
die
Juilliard
School
nach
New
York,
um
dort
Musik
zu
studieren?“ Virginia sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Oh, ja, das … Na ja, daraus wurde nichts. Mein Dad wurde krank und ich bin hiergeblieben, um ihn zu pflegen.“
„Das tut mir leid, Ben.“
Ben
schüttelte
leicht
den
Kopf.
„Muss
es
nicht.
Mein
Dad
ist
zwei
Jahre
später
verstorben
und
die
Krankenschwester,
die
zweimal
die
Woche
bei
uns
war,
na
ja,
die
ist
inzwischen meine Frau.“ Ben grinste übers ganze Gesicht und man sah ihm an, wie glücklich er war.
„Du bist verheiratet? Herzlichen Glückwunsch!“ lächelte Virginia und legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Danke
schön,
ja
und
ich
hab
jetzt
einen
Job
als
Musiklehrer
angenommen
und
bald
ziehen
wir
um.
Es
ist
ein
kleiner
Ort
namens
Golden
Ferry.
Nichts
Besonderes,
aber
sehr ländlich und für uns genau das Richtige.“ Ben griff in seine Tasche und holte ein Foto hervor. Stolz zeigte er Virginia das Bild.
„Das
sind
Lisa
und
ich.
Vor
dieser
kleinen,
wunderschönen
Kapelle
werden
wir
heiraten.“
Verliebt
lächelnd
betrachtete
er
das
Bild
und
strich
sanft
darüber.
Virginia
sah
sich
das
Foto
genauer
an
und
erschrak.
Diese
Kapelle.
Sie
war
doch
auf
einem
der
Bilder
auf
dem
Smartphone!
Oder
war
dies
eine
andere
Kapelle
und
ihre
Fantasie
spielte
ihr
nur einen Streich?
„Wo ist das, sagtest du?“
„Golden Ferry heißt der Ort. Ist ziemlich klein, aber sehr gemütlich, und die Leute sind echt nett. Lisa ist dort geboren.“
Virginia
sah
auf
die
Uhr.
„Entschuldige,
Ben,
ich
sehe
gerade,
es
ist
schon
beinahe
drei
Uhr.
Ich
hab
noch
einen
Termin.
Ich
wünsche
dir
alles
erdenklich
Gute,
vielleicht
sehen wir uns ja mal wieder.“
„Äh, ja, natürlich. Dir auch alles Gute.“
Virginia
wandte
sich
um
und
ging.
Fast
wäre
sie
nach
Hause
gerannt.
Dort
schnappte
sie
sich
das
fremde
Handy,
öffnete
die
Galerie
und
betrachtete
die
Bilder
nochmals.
Schließlich
stieß
sie
auf
das
Foto,
das
sie
suchte.
Es
war
tatsächlich
dieselbe
Kapelle
wie
auf
Bens
Bild.
Eilig
nahm
sie
ihr
eigenes
Handy
zur
Hand
und
rief
ihren
Boss
an.
Der
war
äußerst
erstaunt,
als
sich
Virginia
für
zwei
Wochen
Urlaub
erbat.
Doch
als
er
schließlich
zustimmte,
wenngleich
auch
mit
murrender
Stimme,
packte
sie
einige
Sachen
zusammen,
erkundigte
sich,
wo
der
Ort
Golden
Ferry
lag,
und
machte
sich
schließlich
mit
dem
Auto
auf
den
Weg.
Nach
vier
Stunden
Fahrtzeit
kam
sie
in
der
Dämmerung
an.
Bevor
sie
losgefahren
war,
hatte
sie
telefonisch
in
einer
kleinen
Pension
ein
Zimmer
gebucht.
Die
Besitzerin
der
Pension,
eine
gewisse
Mrs.
Killian,
war
sehr freundlich. Sie gab ihr frische Handtücher und zeigte ihr schließlich den Weg zu ihrem Zimmer.
Virginia
ließ
sich
erschöpft
auf
das
Bett
fallen
und
atmete
tief
durch.
Die
Fahrt
war
anstrengend
gewesen.
Sie
dachte
an
Abendessen,
doch
bevor
sie
den
Gedanken
festhalten konnte, war sie eingeschlafen.
***
Am
nächsten
Morgen
machte
sie
sich
nach
einem
feudalen
Frühstück,
das
ihr
Mrs.
Killian
zubereitet
hatte,
auf
den
Weg
zu
dieser
geheimnisvollen
Kapelle.
Als
sie
durch
den
Ort
schlenderte,
überkam
sie
ein
seltsames
Gefühl
des
Wiedererkennens.
Sie
hatte
ein
Déjà-vu.
Doch
sie
wusste,
dass
sie
noch
nie
hier
gewesen
war.
Neben
dem
Gotteshaus
lag
ein
gepflegter
Friedhof.
Neugierig
machte
Virginia
einen
Rundgang
und
sah
sich
die
Gräber
an.
Eine
besonders
schöne,
kleinere
Grabstelle
mit
einem
rosa
Marmorstein
erweckte
ihre
Aufmerksamkeit.
Doch
in
derselben
Sekunde,
in
der
sie
die
Inschrift
las,
wurde
ihr
schwarz
vor
Augen.
Als
sie
wieder
zu
sich
kam,
lag
sie
auf
der Wiese vor dem Grab. Sie schüttelte und erhob sich. Angst breitete sich in ihr aus, während sie nochmals die Inschrift las, die in den Stein eingemeißelt war:
Hier
ruht
unsere
Tochter
Virginia.
Unser
ein
und
alles,
unser
Sonnenschein.
Kleines,
wir
vermissen
dich!
Virginia
Gallagher,
geboren
am
14.
Februar
1985,
verstorben
am
21.
März 1987.
Virginia
rieb
sich
über
die
Augen.
Tränen
traten
hervor
und
ihr
Gesicht
war
vor
Aufregung
rot
angelaufen.
Virginia
Gallagher,
das
war
ihr
Name
und
auch
das
Geburtsdatum
passte. Was geht hier bloß vor? Was passiert da gerade?
Virginia
machte
kehrt
und
lief
zurück
in
den
Ort.
In
ihrem
Kopf
brummte
es
und
sie
war
völlig
von
der
Rolle.
Gedankenverloren
ging
sie
immer
weiter
und
weiter,
ohne
auf
die Gegend zu achten. Als sie schließlich wieder bewusst aufsah, bemerkte sie, dass sie vor der Stadtbibliothek stand.
Einem
Instinkt
folgend,
betrat
sie
das
Gebäude.
Sie
setzte
sich
an
einen
der
großen
Monitore,
an
denen
man
durch
die
alten
Zeitungsarchive
blättern
konnte.
Nach
einiger
Zeit des Suchens stieß sie auf eine Schlagzeile des Ferry Herold, die ihr Interesse weckte.
Zweijährige aus dem Garten ihres Heims entführt!
Virginia
las
weiter.
Die
zweijährige
Virginia
Gallagher
verschwand
vorgestern
Nachmittag
aus
dem
Garten
des
elterlichen
Anwesens.
Die
Vermutung
liegt
nahe,
dass
es
sich
um
eine
Kindesentführung
handelt.
Ihre
Zwillingsschwester
Sophia
wurde
bewusstlos
hinter
dem
Geräteschuppen
gefunden.
Das
FBI
wurde
eingeschaltet,
doch
bis
zum jetzigen Zeitpunkt konnte die kleine Virginia Gallagher noch nicht wieder gefunden werden.
Virginia blätterte in der Zeit vor. Wieder blieb sie an einem Bericht hängen.
Die Eltern der kleinen Virginia, Sarah und Martin Gallagher, stehen unter Verdacht, ihre Tochter ermordet und eine Entführung vorgetäuscht zu haben.
Einige
Zeitungsausschnitte
später
stieß
sie
auf
einen
weiteren
Artikel.
Zweijähriges
Mädchen
überlebt
unverletzt
einen
schweren
Autounfall.
Ihre
Eltern
konnten
nur
noch
tot aus dem Wrack geborgen werden. Das Unglück ereignete sich in der Nähe der Ortschaft Golden Ferry, aus der die Familie stammte.
Virginias
Hände
fingen
an
zu
zittern.
Sie
versuchte
sich
zu
erinnern,
doch
da
war
nichts.
Konnte
sie
dieses
zweijährige
Kind
gewesen
sein?
Hatte
sie
eine
Zwillingsschwester?
Aber
warum
hieß
sie
dann
Virginia
und
nicht
Sophia?
War
sie
das
Entführungsopfer
und
war
bei
einer
Fremden
aufgewachsen,
die
sich
als
ihre
Mutter
ausgegeben hatte?
Fragen über Fragen stürmten auf sie ein. Als sie schließlich noch einmal nach Hinweisen suchte, fand sie eine weitere Schlagzeile, die sie stutzig machte.
Eine
junge
Frau
wurde
in
den
Nachmittagsstunden
des
28.
Aprils
in
der
Nähe
des
Ferry
Parks
von
Wanderern
aufgefunden.
Sie
war
verwahrlost
und
schien
unter
Drogen
zu stehen. Die Ärzte haben sie wegen ihres verwirrten Geisteszustandes in die psychiatrische Klinik Hillstaedt eingewiesen.
Ein
Foto
in
der
Samstagausgabe
zeigte
eine
junge
Frau
mit
langen
dunklem
Haar,
ungefähr
Anfang
zwanzig.
Virginia
sah
genauer
hin
und
bemerkte
entsetzt,
dass
sie
dieser Frau zum Verwechseln ähnlich sah. Verstört verließ sie die Bibliothek und machte sich in Gedanken versunken auf den Weg zurück zur Pension.
Mrs. Killian begrüßte sie herzlich, doch als sie sah, wie bleich die junge Frau war, eilte sie ihr rasch entgegen.
„Um Himmels willen, Kind, was ist denn passiert? Sie sehen aus, als wären Sie einem Geist begegnet.“
Virginia
reagiert
zuerst
nicht,
ihr
Blick
war
in
die
Ferne
gerichtet,
als
wäre
sie
meilenweit
entfernt.
Doch
dann
blickte
sie
der
alten
Dame
ins
Gesicht.
„Ich
glaube,
ich
habe
hier gelebt.“
Erstaunt
sah
Mrs.
Killian
sie
an.
Langsam
geleitete
sie
Virginia
zu
einem
Ohrensessel
nahe
des
Kamins.
Sie
setzte
sich,
ohne
Widerstand
zu
leisten
und
sah
mit
leeren
Augen
ins
knisternde
Feuer.
Die
Pensionsbesitzerin
brühte
in
der
Zwischenzeit
eilig
Tee
auf
und
brachte
ihn
Virginia,
die
ihn,
ohne
aufzusehen,
annahm.
Als
sie
einige
Schlucke
getrunken
hatte,
setzte
sich
Mrs.
Killian
zu
ihr
und
wartete.
Virginia
schloss
ihre
Augen
und
atmete
tief
durch.
Die
Eindrücke
der
letzten
Stunde
waren
so
gewaltig,
dass
ihr
Gehirn
Zeit
brauchte,
alles
zu
verarbeiten.
Virginia
wollte
den
Mund
bereits
öffnen,
als
Mrs.
Killian
ihre
Hand
erhob
und
sagte:
„Sind
Sie
die
Schwester,
die entführt wurde?“
Virginia zog verblüfft die Augenbrauen zusammen.
„Woher …?“
„Nun, Sie sehen aus wie Ihre Mutter und Sie heißen Virginia“, sagte Mrs. Killian und stellte ihre Tasse auf den Beistelltisch.
“Oh, Sie kannten meine Eltern?“
„Nur flüchtig, doch durch das Unglück, das keiner hier vergessen kann, erinnere ich mich an Sie.“
Beide betrachteten schweigend das Lodern des Feuers.
„Nein! Ich denke nicht, das ich entführt wurde“, platzte es aus Virginia heraus. „Ich würde mich doch an so etwas erinnern.“
Mrs. Killian neigte den Kopf und betrachtete ihren jungen Gast. „Wenn Ihre Schwester entführt wurde, warum heißen Sie dann Virginia?“
„Ich heiße Virginia Sophia Gallagher mit ganzem Namen.“
„Sophia“, flüsterte Mrs. Killian. „So hieß die andere Schwester, soweit ich mich erinnere.“
„Ja, das habe ich in den alten Zeitungsausschnitten gelesen.“
„Warum sind Sie hierher zurückgekommen?“
„Vor
zwei
Tagen“,
begann
Virginia
zu
erzählen,
“fand
ich
ein
fremdes
Smartphone.
Als
ich
auf
den
Weg
zum
Fundbüro
einen
kurzen
Blick
hineinwarf,
entdeckte
ich
unzählige
Bilder.
Auf
fast
allen
war
ich
abgebildet.“
Virginia
schluckte
hörbar
und
richtete
sich
ein
wenig
auf.
Sie
nahm
das
Handy
aus
der
Tasche,
suchte
nach
einem
bestimmten
Foto
und
reichte
es
Mrs.
Killian.
"Darauf
fand
ich
auch
dieses
Bild
von
der
kleinen
Kapelle.
Ein
Freund
hat
mir
davon
erzählt.
Er
will
hier
heiraten
und
er
hatte
ein
Foto
dabei,
mit
genau
dieser
Kapelle
im
Hintergrund.
Ich
bin
hierhergekommen,
um
dem
Ganzen
auf
den
Grund
zu
gehen.“
Virginia
machte
eine
kleine
Pause,
bevor
sie weitersprach. „Das Erste, was ich entdeckt habe, war dieses ominöse Grab mit meinem Namen und meinem Geburtstag darauf.“
„Oh“,
machte
Mrs.
Killian,
„in
diesem
Grab
liegt
niemand.
Als
ihre
Tochter
nach
zwei
Jahren
der
Suche
nicht
gefunden
werden
konnte,
haben
die
Gallaghers
beschlossen,
diesen
Grabstein
aufzustellen.
Doch
nur
zwei
Wochen
später
hatten
sie
diesen
grauenvollen
Autounfall
und
starben.
Ihre
andere
Tochter,
die
unversehrt
aus
dem
Wrack
geborgen
werden
konnte,
kam
zu
der
Schwester
ihrer
Mutter,
soviel
ich
weiß.
Ich
glaube,
sie
hieß
ebenfalls
Gallagher,
da
sie
den
Bruder
ihres
Schwagers
geheiratet
hatte.
Marie Gallagher … ja, genau, so hieß sie.“
„Marie Gallagher?“, flüsterte Virginia leise. „So hieß meine Mutter.“
Hatte
ihre
Mutter,
die
eigentlich
ihre
Tante
war,
sie
all
die
Jahre
angelogen?
Virginia
konnte
es
nicht
fassen.
Warum
hatte
sie
das
bloß
getan?
Und
warum
hatte
Marie
sie
Virginia
genannt
und
nicht
Sophia?
Immer
mehr
Fragen
türmten
sich
auf.
Doch
eine
Antwort
würde
sie
wohl
nicht
mehr
bekommen.
Ihre
angebliche
Mutter
Marie
war
vor
drei Jahren an Lungenkrebs gestorben.
Virginia stand auf. „Vielen Dank, Mrs. Killian. Ich hoffe, ich hab Sie nicht belästigt.“
„Ach,
Kindchen,
machen
Sie
sich
darum
keine
Sorgen.
Es
wird
sicher
alles
gut.
Vielleicht
ist
Ihre
Schwester
ja
auf
der
Suche
nach
Ihnen
und
es
gibt
einen
guten
Grund
für
all diese Fotos auf dem Handy.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr, Mrs. Killian.“
Virginia wollte schon auf ihr Zimmer gehen, als ihr noch ein Gedanke kam.
„Mrs. Killian?“
„Ja, meine Liebe?“
„Wissen Sie zufällig, in welche Klinik das Mädchen damals eingeliefert wurde? Sie wissen schon, die junge Frau, die vor siebzehn Jahren ungefähr hier gefunden wurde.“
„Ah,
ja,
ich
erinnere
mich,
es
war
die
Hillstaedt-Klinik.
Ungefähr
fünf
Kilometer
nördlich
von
hier
in
einem
kleinen
Waldgebiet.
Ist
nicht
zu
verfehlen.
Fahren
Sie
Richtung
Townsendhill. Auf der rechten Seite sehen Sie dann ein großes, grünes Schild der Klinik.“
„Ich danke Ihnen.“
„Schlafen Sie gut.“
***
Am
nächsten
Tag
packte
Virginia
zusammen
und
machte
sich
auf
den
Weg
zur
Klinik.
Es
vergingen
nur
wenige
Minuten,
bis
sie
das
grüne
Klinikschild
erblickte.
Sie
bog
nach
rechts
in
die
Auffahrt
und
konnte
bereits
nach
einigen
Metern
das
Krankenhaus
erkennen.
Das
Gebäude
ähnelte
eher
einem
Herrenhaus
als
einer
Krankenanstalt.
Sie
parkte ihren Wagen und betrat das imposante Bauwerk.
Am
Empfang
stellte
sich
Virginia
der
jungen
Dame
vor
und
bat
um
ein
Gespräch
mit
dem
Direktor.
Nach
einem
kurzen
Telefonat
winkte
die
junge
Dame
sie
hinter
sich
her.
Der
Direktor
Doktor
Schneider,
ein
alter
Herr
mit
schlohweißem
Haar
und
einem
ziemlich
runden
Bauch,
erhob
sich,
als
Virginia
sein
Zimmer
betrat.
Freundlich
streckte
er
ihr seine Hand entgegen.
Sofort
kam
er
zur
Sache.
„Ms.
Gallagher,
was
kann
ich
für
Sie
tun?“
Er
wirkte
sehr
kompetent
und
Virginia
war
sich
sicher,
hier
einiges
erfahren
zu
können.
Sie
setzte
sich
in
einen der Sessel vor dem massiven Schreibtisch und faltete ihre Hände.
„Ich würde gerne etwas über eine junge Frau erfahren, die ungefähr vor siebzehn Jahren zu Ihnen gebracht wurde. Ich glaube, Sie ist meine Schwester.“
Virginia
erzählte
ihre
Geschichte
und
Doktor
Schneider
gab
ihr
daraufhin
bereitwillig
Auskunft.
Sie
erfuhr,
dass
sie
die
junge
Frau
Karen
genannt
hatten,
da
sie
keinerlei
Erinnerungen
an
das
besessen
hatte,
was
ihr
zugestoßen
war.
Sie
war
fünf
Jahre
in
der
Klinik
gewesen.
Vor
ungefähr
zehn
Jahren
zu
Sommerbeginn,
bat
Karen
darum
entlassen
zu
werden.
Da
sie
keine
Gefahr
für
sich
oder
andere
darstellte,
gestattete
Doktor
Schneider
ihre
Entlassung
und
half
ihr
dabei,
in
der
Welt
außerhalb
der
Klinikmauern
Fuß
zu
fassen.
Drei
Jahre
hatte
sie
in
einer
Bäckerei
gearbeitet,
an
die
der
Doktor
sie
vermittelt
hatte.
Eines
Tages
allerdings
verschwand
sie
plötzlich
spurlos.
Doch
bereits
eine
Woche
später
hatte
der
Direktor
einen
Brief
von
ihr
erhalten,
in
dem
es
darum
gegangen
war,
dass
es
ihr
gut
ginge
und
sie
ein
neues
Leben
in
einer
anderen Stadt begonnen habe.
„In welcher Stadt war das?“, fragte Virginia interessiert.
„Warten Sie, ich hab hier noch irgendwo ihren Brief.“ Doktor Scheider kramte in seinem Schreibtisch und zog schließlich ein altes Kuvert hervor.
„Hier!“ Er tippte auf das Briefpapier. „Sie ist nach Chico gezogen.“
Überrascht weiteten sich Virginias Augen. „Sind Sie sicher, dass es Chico ist?“
„Ja, ich bin mir sicher.“
„Oh! Nun, danke, Doktor Schneider, Sie haben mir sehr geholfen.“ Sie stand auf und gab dem Direktor zum Abschied noch einmal die Hand.
„Ich hoffe, Sie finden Ihre Schwester.“
„Danke, das hoffe ich auch.“
Virginia
machte
sich
sofort
auf
den
Heimweg
–
in
ihr
Zuhause
nach
Chico.
Alles,
was
sie
bisher
erfahren
hatte,
führte
wieder
zurück
in
ihre
Heimatstadt.
Virginia
fuhr
schnell.
Sie
wollte
noch
vor
vier
Uhr
nachmittags
zu
Hause
sein.
Kurz
vor
halb
vier
sah
sie
bereits
die
Ortstafel
vor
sich
auftauchen.
Schnell
parkte
Virginia
ihr
Auto
in
der
Auffahrt
und
schritt
zur
Haustür.
Sie
steckte
den
Haustürschlüssel
in
das
Schloss,
doch
etwas
stimmte
nicht.
Der
Schlüssel
ließ
sich
nicht
drehen.
Verwirrt
zog
sie
ihn
ab
und
versuchte
es
erneut,
doch
der
Schlüssel
passte
nicht.
Virginia
versuchte
es
an
der
Hintertür,
doch
auch
hier
passte
ihr
Schlüssel
nicht.
Langsam
breitete
sich
Panik
in
ihr
aus.
Was
war
hier
los?
Hatte
sie
die
falschen
Schlüssel
eingesteckt?
Sie
betrachtete
sie
genauer.
Nein,
es
waren
die
richtigen.
Sie
ging
eine
Runde
um
ihr
Haus
und
bemerkte,
dass
das
Fenster
zum
Badezimmer
offen
stand.
Sie
zog
die
Gartenbank
heran,
stellte
sich
darauf
und
kroch
durch
das
Fenster
ins
Innere.
Sie
horchte
auf
Geräusche
im
Haus,
vernahm
aber
nichts.
Schließlich
öffnete
sie
die
Badezimmertür
und
erstarrte.
Vor
ihr
stand
-
sie
selbst.
Ein
wütendes
Paar
Augen
starrte
sie
an.
Im
selben
Moment
sah
Virginia
aus
den
Augenwinkeln
einen
silberfarbenen
Gegenstand
aufblitzen.
Noch
bevor
sie
irgendwie
reagieren
konnte,
wurde
alles
um
sie
herum
schwarz.
***
Langsam
öffnete
Virginia
die
Augen.
Etwas
verschwommen
erblickte
sie
einen
Monitor
neben
sich.
Ein
Gerät
zur
Überwachung
ihrer
Herzfrequenz.
Sie
war
in
einem
Krankenhaus. Als sie versuchte sich aufzusetzen, wurde sie sanft wieder nach hinten gedrückt.
„Bleiben Sie liegen, Karen. In Ihrem Zustand sollten Sie sich nicht zu viel bewegen. Die Wunde muss heilen.“
Virginia verstand nicht. Warum nannte die Schwester sie Karen? Sie versuchte zu sprechen, doch ihr Hals schmerzte so sehr, dass ihr Tränen in die Augen schossen.
„Nicht
sprechen!
Sie
wurden
erst
vor
einer
Stunde
operiert.
Ihre
Stimmbänder
waren
stark
verletzt,
doch
Doktor
Clark
konnte
sie
retten.
Sie
müssen
jetzt
Geduld
haben
und dürfen nicht sprechen, damit die Bänder heilen können. In drei oder vier Wochen werden Sie Ihre Stimme wieder zurückbekommen."
Die
Schwester
hatte
kaum
zu
Ende
gesprochen,
da
verfiel
Virginia
wieder
in
einen
Dämmerschlaf.
Als
sie
das
zweite
Mal
erwachte,
stand
ein
Arzt
neben
ihrem
Bett
und
notierte
etwas
in
ihr
Krankblatt.
Sie
versuchte
erneut
zu
sprechen,
doch
der
Arzt,
der
sich
als
Doktor
Clark
vorstellte,
legte
seinen
Finger
an
den
Mund
und
deutete
ihr,
das
nicht zu tun.
„Nicht sprechen, Karen. Sie müssen ihre Stimmbänder schonen. Wir wollen doch, dass Sie ihre Stimme wieder zurückbekommen, oder?“
Virginia
verzweifelte
langsam.
Warum
hielt
man
sie
bloß
für
Karen?
Was
war
in
ihrem
Haus
passiert?
Sie
wollte
endlich
mitteilen,
wer
sie
wirklich
war,
doch
wie
sollte
sie
das
tun,
wenn
sie
nicht
sprechen
durfte?
Sie
fuchtelte
mit
der
Hand
in
der
Luft
und
signalisierte
dem
Arzt,
dass
sie
etwas
aufschreiben
wolle.
Doch
er
war
nicht
besonders
aufmerksam.
„Beruhigen Sie sich! Schlafen Sie ein bisschen, dann wird es Ihnen bald besser gehen.“
Als
er
schließlich
das
Krankenzimmer
verließ,
sackte
Virginia
zurück
ins
Bett.
Sie
griff
sich
vorsichtig
an
den
Hals
und
spürte
den
dicken
Verband
unter
ihren
Fingern.
Sie
versuchte
angestrengt,
sich
zu
erinnern,
doch
alles,
was
sie
vor
ihrem
geistigen
Auge
sah,
waren
der
silberfarbene
Gegenstand
und
ihr
eigenes
Gesicht,
das
ihr
gegenüberstand. Danach nichts mehr.
Gerade
als
Virginia
sich
nach
einem
Stift
umsah,
betrat
ein
Pfleger
ihr
Zimmer
und
stellte
sich
als
Louis
vor.
Virginia
ergriff
die
Gelegenheit
und
verlangte
nach
etwas
zu
Schreiben. Louis verstand sofort und Virginia atmete erleichtert auf. Er reichte ihr einen Block und Stift.
Was ist passiert? Warum nennen mich alle hier Karen?, schrieb sie auf den Block und reichte ihn Louis.
Louis sah sie mit fragendem Blick an.
„Man
hat
sie
am
Ufer
vor
der
alten
Papierfabrik
gefunden.
Der
Hund
eines
Spaziergängers
hat
sie
entdeckt.
Er
gab
Laut,
sonst
hätte
man
Sie
niemals
rechtzeitig
gefunden.
Die Gegend dort ist verlassen. Kommt selten vor, dass sich jemand dorthin verirrt. Sie hatten Glück. Na ja, Glück im Unglück.“
Virginia tippte mit dem Stift auf die Frage, warum alle sie Karen nannten.
„Ach ja, die Sanis, die sie brachten, fanden Ihre Papiere in Ihrer Tasche. Denen zufolge heißen Sie Karen Jacobi.“
Virginia
schüttelte
heftig
den
Kopf.
Hektisch
kritzelte
sie
auf
den
Block:
Mein
Name
ist
Virginia
Gallagher,
ich
wohne
61
Sparrow
Hawk
Lane.
Ich
denke,
Karen
Jacobi
hat
mir das angetan. Sie ist mein Zwilling.
„Sie meinen, Ihre Zwillingsschwester hat versucht, Sie umzubringen?“ Louis starrte die junge Frau im Krankenbett fassungslos an. Virginia nickte.
„Wenn das stimmt, muss die Polizei informiert werden“, murmelte er nachdenklich und setzte sich neben sie.
Sofort
schrieb
Virginia
die
Antwort:
Nein,
die
werden
es
nicht
glauben.
Sie
sieht
genauso
aus
wie
ich.
Ich
muss
raus
hier.
Ich
glaube,
sie
ist
dabei,
mir
mein
Leben
zu
stehlen. Das muss ich verhindern!
Louis
überlegte.
Sollte
er
dieser
Patientin
einfach
glauben?
Doch
sie
hatte
etwas
an
sich,
was
ihn
davon
überzeugte,
dass
sie
die
Wahrheit
sagte.
Virginia
schrieb
Louis
alles
detailgetreu
auf.
Die
ganze
Geschichte.
Sie
begann
beim
Fund
des
Smartphones
und
erläuterte
weiter,
wie
sie
das
Grab
in
Golden
Ferry
entdeckt
und
die
Zeitungsartikel über die Entführung und den Unfall gelesen hatte. Schließlich vertraute sie ihm auch an, was Doktor Schneider ihr in der Klinik erzählt hatte.
Louis las aufmerksam mit und versprach, der ganzen Sache nachzugehen.
Am
nächsten
Tag
parkte
Lois
versteckt
vor
Virginias
Haus,
bewaffnet
mit
einer
Kamera.
Binnen
kurzer
Zeit
gelang
es
ihm,
Fotos
von
der
junge
Frau
zu
schießen,
die
aus
dem Haus trat. Ihm blieb die Luft weg, denn diese Karen sah wirklich genauso aus wie Virginia. Sie glichen sich aufs Haar.
Louis
recherchierte
weiter.
Er
fand
heraus,
dass
Karen
Jacobi
bereits
seit
acht
Jahren
in
Chico
lebte.
Sie
hatte
als
Bäckerin
gearbeitet
und
allein
mit
ihrer
Katze
in
einer
kleinen
Wohnung
über
der
Bäckerei
gewohnt.
Louis
hatte
sich
als
Privatdetektiv
ausgegeben,
der
wegen
einer
Erbschaft
nach
ihr
suchte.
Dabei
erfuhr
er
auch,
dass
sie
vor zwei Wochen gekündigt hatte und vor drei Tagen aus besagter Wohnung ausgezogen war. Wohin war nicht bekannt.
Louis
verfolgte
Karen
einige
Tage
lang
und
berichtete
Virginia
von
seinen
Beobachtungen.
Er
erzählte
ihr,
dass
ihre
Zwillingsschwester
in
ihrem
Haus
lebte,
ihren
Job
übernommen hatte und sogar mit ihren Freunden verkehrte.
Virginia war zutiefst schockiert. Konnte das wirklich wahr sein?
Rasch schrieb sie Louis eine Notiz. Geh zu meiner Freundin Hanna Johanson. Bring sie hierher!
Sie notierte ihm die Adresse, gab ihm einen Beweis für ihre Worte mit, und der Pfleger machte sich daraufhin sofort auf den Weg.
***
„Unsinn,
ich
war
noch
vor
einer
Stunde
mit
ihr
in
einem
Kaffeehaus.
Sie
ist
gesund
und
munter.
Verschwinden
Sie!“
Hanna
wollte
bereits
ihre
Haustür
zuschlagen,
als
Louis
seinen
Fuß
dazwischen
stellte.
Er
hatte
bereits
vermutet,
dass
Hanna
ihm
nicht
glauben
würde,
daher
streckte
er
ihr
die
Halskette
von
Virginia
entgegen,
die
Hanna
ihrer
besten Freundin das Jahr zuvor zum Geburtstag geschenkt hatte.
„Ich glaube ihr - und Sie sollten das auch!“, betonte Louis mit fester Stimme.
Hanna
erkannte
das
Schmuckstück
und
machte
sich
zögerlich
mit
ihm
auf
den
Weg.
Als
sie
das
Krankenzimmer
betrat,
konnte
sie
kaum
glauben,
was
sie
sah.
War
das
möglich?
Virginia
lächelte
und
winkte
ihre
beste
Freundin
näher
heran.
Sie
nahm
ihren
Block
zur
Hand
und
begann
zu
schreiben.
Anhand
einer
alten
Erinnerung
überzeugte
sie
Hanna, dass sie die echte Virginia war. Hanna lief eine Träne über die Wange, nachdem sie die Zeilen gelesen hatte.
„Es ist einfach unfassbar.“ Wortlos drückte sie ihre Freundin an sich und hielt sie lange fest. Plötzlich löste sie sich von ihr.
„Hast du die Polizei eingeschaltet?“
Virginia verneinte und wackelte mit dem Kopf.
„Ich
kenne
da
jemanden.
Er
ist
Detective
bei
der
Sitte.
Vielleicht
können
wir
mit
seiner
Hilfe
dein
Leben
zurückholen.“
Virginia
verfasste
eine
weitere
Notiz
für
Hanna.
Verschwörerisch nicken sich die beiden Freundinnen zu.
Hanna
machte
sich
auf
den
Weg
zu
Virginias
Haus.
Als
sie
davorstand,
hatte
sie
kurz
Bedenken,
aber
dann
erinnerte
sie
sich
an
die
Notiz
ihrer
Freundin
und
drückte
die
Türklingel.
„Hallo, Hanna …?“
„Hi, Virginia!“
„Ist was passiert?“ Karen blickte Hanna skeptisch an, doch die ließ sich nichts anmerken. Gekonnt setzte sie ein Lächeln auf.
„Ich habe jemanden kennengelernt“, wisperte sie geheimnisvoll und marschierte einfach an Karen vorbei ins Haus.
„Ach ja?“ Karen schloss die Tür und folgte ihr. „Ich freue mich für dich, meine Liebe. Wer ist er? Kenne ich ihn?“
Genau auf diese Frage hatte Hanna gewartet. Denn was die falsche Virginia nicht wusste, war, dass Hanna auf Frauen stand.
Während Karen Tee zubereitete, erzählte Hanna ihr eine erfundene Geschichte. Karen schien ihr zu glauben.
Nachdem
sie
ihren
Tee
getrunken
hatten,
machte
sich
Hanna
wieder
auf
den
Weg
in
die
Stadt.
Vorher
aber
nahm
sie
die
Verpackung
des
Teebeutel
mit.
Karens
Fingerabdrücke waren darauf.
Hanna
brachte
ihre
Beweise
sofort
zu
ihrem
Freund
Frank,
dem
Detective.
Nach
einer
kurzen,
aber
genauen
Erklärung,
warum
sie
seine
Hilfe
brauchte,
übergab
sie
ihm
die Fingerabdrücke von Virginia, von einem Geschenk, das sie vor zwei Wochen von ihr bekommen hatte und den Teebeutel von Karen.
„Kannst du die so schnell wie möglich vergleichen?“, bat sie Frank und gab ihm die einzeln verpackten Beweise, die sie sorgfältig beschriftet hatte.
„Klar, ich bring sie gleich zu meinem Kollegen.“
„Sag
uns
bitte
sofort
Bescheid,
wenn
er
fertig
ist.
Wir
müssen
diese
Frau
so
schnell
wie
möglich
hinter
Gitter
bringen,
bevor
sie
herausfinden
kann,
dass
Virginia
noch
am
Leben ist.“
„Wie kommst du darauf, dass sie das glauben könnte?“
„Ich
weiß
nicht,
ich
hab
so
ein
Gefühl.“
Hanna
hatte
schon
als
Kind
so
etwas
wie
einen
sechsten
Sinn
gehabt.
Frank
kannte
sie
lang
genug,
um
ihr
zu
glauben.
Also
marschierte er ohne Umwege zu seinem Kollegen ins Labor und ließ die Fingerabdrücke abgleichen.
Wie
sie
es
geahnt
hatten,
passten
die
Fingerabdrücke
von
Virginia
und
die
auf
dem
Geschenk
perfekt
zusammen.
Die
Abdrücke
auf
der
Teebeutelverpackung
waren
andere.
Sie
hatten
den
Beweis.
Frank
telefonierte
gerade
mit
Hanna,
um
ihr
die
gute
Nachricht
mitzuteilen,
als
die
Leitung
jäh
unterbrochen
wurde.
Er
wusste,
dass
sie
sich
gerade
bei
Virginia
im
Spital
befand,
also
sprang
er
in
seinen
Wagen
und
fuhr
so
schnell
er
konnte
zum
Krankenhaus.
Als
er
auf
der
Station
um
die
Ecke
bog,
sah
er,
wie
eine
Frau
mit
langen
dunklen
Haaren
Hanna
vor
sich
herschob.
Er
warf
einen
schnellen
Blick
in
Virginias
Zimmer
und
merkte
schnell,
dass
etwas
nicht
stimmte.
Virginias
Verband
war
zur
Hälfte
heruntergerissen
und
sie
atmete
kaum
noch.
Frank
betätigte
die
Notfalltaste
und
verließ
schnell
den
Raum,
um
Hanna
und
Karen
zu
folgen. Gerade noch sah er, wie sie ins Treppenhaus verschwanden. Leise öffnete er die Tür und folgte ihnen.
„Warum tust du das?“, hörte er Hanna mit verzweifelter Stimme fragen.
„Warum?
Ha,
weil
dieses
Leben
nun
mir
gehört!
Sie
hat
alles
bekommen,
was
mir
verwehrt
geblieben
ist.
Ich
wurde
eingesperrt,
geschlagen,
man
hat
mich
tagelang
hungern lassen und als ich mich nach Jahren befreien konnte, wurde ich wieder eingesperrt.“
„Aber
dafür
kann
Virginia
doch
nichts“,
erwiderte
Hanna
und
wollte
sich
zu
Karen
umdrehen,
doch
die
stieß
sie
grob
mit
einer
Waffe
in
den
Rücken
und
deutete
ihr,
weiterzugehen.
„Virginia“, spie sie verächtlich aus. „Sie heißt nicht einmal so. Ihr Name ist Sophia, nicht Virginia! Selbst meinen Namen hat sie mir gestohlen.“
Hanna versuchte es noch einmal. „Aber sie wurde immer Virginia genannt. Sie kennt es nicht anders, sie war doch damals ebenso ein kleines Kind wie du!“
„Es ist aber MEIN Name!“ schrie Karen und versetzte Hanna einen noch stärkeren Schlag.
Währenddessen
schlich
sich
Frank
immer
näher
an
die
beiden
Frauen
heran.
Karen
bemerkte
ihn
erst,
als
er
über
das
Treppengeländer
sprang
und
ihr
die
Pistole
aus
der
Hand
schlug.
Mit
einem
verblüfften
Gesichtsausdruck
und
weit
aufgerissenen
Augen
starrte
sie
ihn
an
und
wollte
sich
sofort
wieder
auf
die
Waffe
stürzen,
doch
Frank
war
schneller. Schon hatte er ihr beide Arme hinter den Körper gezogen und legte ihr gekonnt die Handschellen an.
„Aber es ist mein Leben, ich bin Virginia!“ Karen schluchzte verzweifelt auf und ließ sich ohne Gegenwehr von Frank abführen.
Hanna
rannte,
so
schnell
sie
konnte,
wieder
in
Virginias
Zimmer
zurück.
Auf
das
Schlimmste
gefasst,
blickte
sie
in
den
Raum
und
atmete
erleichtert
auf,
als
sie
Virginia
lächelnd im Bett sitzen sah.
Karen hatte Virginias Schmerzmittelpumpe ganz geöffnet und sie selbst bewusstlos geschlagen. Wäre Frank nicht gewesen, hätte sie diese Überdosis nicht überlebt.
***
Karen wurde lebenslang in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.
Als
Virginia
die
Hintergründe
für
diese
furchtbare
Tat
ihrer
Schwester
erfuhr,
versuchte
sie,
eine
Beziehung
zu
ihr
aufzubauen
und
besuchte
sie
einmal
pro
Woche.
Nach
drei Jahren Klinikaufenthalt fand man Karen schließlich tot in ihrem Zimmer. Die Todesursache konnte nicht ermittelt werden.
Heute
geht
Virginia
einmal
im
Monat
zum
Grab
ihrer
Schwester.
Auf
einem
rosafarbenen
Marmorstein
steht
in
goldenen
Buchstaben:
Hier
schläft
meine
Schwester
Virginia. Nach einem schweren Leben voller Schmerz und Leid ruht sie nun in Frieden!
Virginia Gallagher, geboren am 14. Februar 1985, verstorben am 28. August 2019.
© by Michaela Brenner 2018