Prolog

Es war nur ein Flackern im Kristall, das ihn den Kopf heben ließ. Kaum mehr als ein Zucken im Strom der Zeit. Doch er hatte es gesehen und gefühlt. Der Raum lag in vollkommener Stille. Keine Stimme und kein mechanisches Surren waren zu hören. Nur das leise Pulsieren des Siegels spürte er durch das Dunkel ein Herzschlag aus Licht, eingefasst in schwarzes Glas, umkreist von schwebenden Splittern aus Metall und Magie. Das Zentrum seiner Macht, seines Seins und seines Lebens. Er trat näher heran. Sein Mantel, durchwoben von Runen und von der Geschichte seines Wirkens, streifte lautlos den Boden. Jede Naht und jedes Symbol ein Geheimnis, das nur er kannte. Ein Mantel, gewebt vor Jahrhunderten. Seine Berührung am Rand des Siegels war wie ein Gruß. Es war mit ihm verbunden. Es war ein Teil seiner Linie und seines Überlebens. Und nun Unruhe. Mit bloßem Auge war kein Riss zu sehen, aber er spürte es. Es war bloß ein Hauch, wie ein falscher Ton in einer makellosen Symphonie. Als hätte etwas die Ordnung der Zeit gestört, seiner Zeit. Er lauschte. Nicht mit den Ohren, sondern mit dem, was ihm geblieben war: die feine Wahrnehmung eines Mannes, der längst kein normaler Mensch mehr war. Etwas in Menschengestalt. Hüter eines Gleichgewichts, dass er selbst geschaffen hatte. »Jemand kommt«, murmelte er und doch vibrierte seine Stimme durch den Raum. Er trat an den Rand der Plattform. Die Stadt unter ihm flimmerte. Sie war geordnet und gehorsam, wie ein Schachbrett aus Licht und Schatten, auf dem er jeden Tag spielte. Jedes Licht war ein Leben und jeder Schatten eine Erinnerung. Dies alles hatte er unter seiner Kontrolle. Eine leise Ahnung kam ihm in den Sinn und doch war es nichts Greifbares. Es war diffus und noch ohne Form. Etwas hatte sich verändert. Etwas näherte sich, das nicht in seine Gleichung passte. Er ließ den Blick schweifen. Der Turm, in dessen Spitze er lebte, ragte über den Dächern der Stadt empor. Sein Rückgrat war aus Metall geformt und sein Herz bestand aus Maschinen, sein Blut aus Magie. Dort unten bewegte sich alles nach seinem Willen. Er drehte sich um und blickte erneut auf das Siegel. Es bebte in seinem Kern, doch niemand sah es, niemand hörte es. Nur er. Ein winziger Sprung im innersten Kreis. Eine Regung, als würde das Artefakt selbst begreifen, dass seine Zeit ablief. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten bewegte sich das alte Symbol. Linien glommen auf wie Wunden, die sich erneut entzündeten. Längst vergessene Muster erschienen und leuchteten auf wie Warnzeichen aus einer anderen Welt. Einer anderen Zeit? Ein Kreis schloss sich und die Zeit hielt den Atem an. Er legte die Hand erneut auf das Artefakt. Dieses Mal mit mehr Druck. Er wollte es spüren und er fühlte das erste Mal einen Widerstand. Nein. Ein kaum merklicher Ruck durchfuhr seinen Körper. Das durfte nicht sein. Er sprach ein Wort nur eines und das Licht im Raum wurde dunkler. Nicht nur optisch. Es war, als hätte sich die Luft verdichtet. Eine Projektion erschien vor ihm. Da waren keine Stimmen, kein richtiges Bild, nur die Silhouette eines Mädchens. Still und schemenhaft und doch beunruhigend klar. Er kannte sie nicht, noch nicht. Aber er würde sie finden. Magie hatte ihn stark gemacht und das Artefakt hatte ihn jung bleiben lassen. Er war älter als alles um ihn herum, und doch bewegte er sich wie ein Mann in der Blüte seines Lebens. Aber sie Sie war eine Gefahr. Eine, die unberechenbar war, und genau das machte sie so gefährlich. Er trat zurück und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Seine Augen verengten sich. Sie war jung und unerfahren in seiner Welt, aber sie hatte eine besondere Magie die ihn unsterblich machen konnte. Er musste sie haben, um jeden Preis. Jeder hatte Angst vor dem Ende, aber er hatte Angst vor einem Anfang, den er nicht kontrollieren konnte. Die Silhouette verblasste. Sein Atem war ruhig, seine Gedanken messerscharf, und doch flammte in seinem Inneren etwas auf, das er lange vergessen hatte: Furcht! Kapitel 1 – Der geheime Brief Megan räumte gerade die letzten Dinge im Schlafzimmer ihrer Großtante zusammen, als sie hinter einem Gemälde einen antiken Tresor entdeckte. Der Safe war ein altes, mechanisches Modell, dessen Zahlenschloss sich nach wenigen Versuchen öffnete. Der Code war relativ leicht herauszufinden, denn es war Kyras Geburtstag. »Natürlich«, murmelte Megan, als das Schloss klickte. »Du hast wirklich nie etwas dem Zufall überlassen, Tante Susanna.« Als Susanna gestorben war, hatte sie ihren beiden Mädchen, wie sie Megan und Kyra stets liebevoll genannt hatte, ihr gesamtes Hab und Gut vermacht. Und das war, wie sich bald herausgestellt hatte, beträchtlich. Megan hatte nie geahnt, wie vermögend ihre Großtante tatsächlich gewesen war. Das Haus, in dem sie all die Jahre gelebt hatten, strahlte eher bescheidene Gemütlichkeit als millionenschweren Reichtum aus. Rückblickend war das vermutlich eine weise Entscheidung gewesen, denn so kam niemand auf den Gedanken, hier gäbe es etwas zu holen. Megan entleerte den Safe vorsichtig und systematisch. Neben einigen Unterlagen und vier alten Schlüsseln fand sie einen Brief, der sauber versiegelt war und nach altem Papier roch. Ihre Finger zitterten leicht, als sie ihn öffnete nicht aus Angst, sondern aus einer merkwürdigen Mischung aus Vorahnung und Nervosität. Sie zog das erste Dokument heraus: ein Grundbuchblatt, sorgfältig gefaltet und in perfektem Zustand. Danach folgte ein Grundstückslageplan. Als sie das dritte Dokument betrachtete, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Es war eine Übertragungsurkunde mit Siegel und drei Unterschriften. »Was zum …« Sie runzelte die Stirn, las die Zeilen und schüttelte dabei ungläubig den Kopf. Bei der Testamentseröffnung vor zwei Jahren war nie die Rede von einem Haus in Dublin gewesen. Der Notar hatte kein einziges Wort darüber verloren, keinen Hinweis darauf geliefert. Hatte Susanna dieses Haus absichtlich aus der Erbmasse herausgehalten? Oder hatte sie es schlichtweg vergessen? Sie blickte auf das Datum und stellte mit Erstaunen fest, dass die Dokumente bereits einen Monat nach ihrem Einzug bei Tante Susanna ausgestellt worden waren. Megan setzte sich an den Schreibtisch und das Licht fiel schräg über das noch immer weiße Papier. Sie fuhr mit dem Finger die Zeilen entlang, las erneut, doch diesmal langsamer. Was sie dann erblickte, konnte sie kaum glauben. Die Unterlagen liefen natürlich alle auf Susanna O’Mealy, doch auf der letzten Seite des Dokuments erblickte sie zwei Namen, die wohl nachträglich eingetragen worden waren: Kyra und Megan O’Brien. Sie blinzelte verwundert und staunte nicht schlecht. »Das kann doch nicht sein …«. Unterzeichnet waren alle Dokumente von Susanna und einem Notar, den Megan nicht kannte. Eine weitere Unterschrift war wohl von einem Zeugen. In den nächsten Tagen ließ Megan die Dokumente auf ihre Rechtmäßigkeit von ihrem Anwalt prüfen. Die Antwort kam schneller als erwartet und war eindeutig. »Die Unterlagen sind einwandfrei«, sagte Mr. Murray, ein älterer Herr mit rauchiger Stimme. »Sie und Ihre Tochter sind rechtmäßige Eigentümer eines Stadthauses in Dublin. Und zwar schon seit fast sieben Jahren.« »Sie machen Witze.« Megan hatte das Gefühl, jeden Moment aufwachen zu müssen. »Keineswegs. Ich würde Ihnen aber raten, sich das Objekt so bald wie möglich anzusehen und den Zustand zu prüfen. Es bestehen auch keine Verbindlichkeit darauf. Es ist sozusagen Schuldenfrei.« Megan bedankte sich und legte das Handy zur Seite. Kyra wusste noch nichts von dem zusätzlichen Erbe und Megan war entschlossen, das zunächst dabei zu belassen. Erst wollte sie das Haus mit eigenen Augen sehen und prüfen, ob es überhaupt bewohnbar war. Bei ihrem Glück handelte es sich vermutlich um eine heruntergekommene Bruchbude am Stadtrand, von Unkraut überwuchert und seit Jahren unbewohnt. Und mit so etwas wollte sie sich ganz sicher nicht belasten. Doch ein Teil von ihr, ein ganz leiser, hartnäckiger Teil, sagte ihr, dass da mehr war. Dass Susanna ihr und Kyra etwas hatte hinterlassen wollen, das nicht nur aus Stein, Holz und Unkraut bestand. Als Kyra zufällig ins Büro ihrer Mutter kam, blieb sie abrupt im Türrahmen stehen. Ihr Blick fiel auf die ausgebreiteten Unterlagen auf dem Schreibtisch, und sofort weiteten sich ihre Augen. »Was ist das?«, fragte sie neugierig und deutete auf die Skizze. Megan sah auf, ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ein Haus. In Dublin. Offenbar gehört es uns.« Kyra blinzelte, als müsse sie sicherstellen, dass sie sich nicht verhört hatte. »Ein Haus? In Dublin? Wieso wusste ich davon nichts?« Megan zuckte mit den Schultern. »Ich wusste es ja selbst nicht. Ich habe den Brief erst vor zwei Tagen gefunden. In Susannas altem Safe.« »Tante Susanna hatte einen alten Safe?« Kyra trat näher, stützte sich mit den Händen auf die Tischkante und beugte sich über die Dokumente. Ihre Stirn war gerunzelt, ihre Augen wanderten über den Grundriss, als könnte sie dort bereits ein Geheimnis aufspüren. »Wir müssen nach Dublin. Sofort!«, rief sie plötzlich mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Abenteuerlust. Megan musste lachen. Die Begeisterung ihrer Tochter war wie ein plötzlicher Sommerwind, mitreißend und voller Leben. »Also gut«, sagte sie und erhob sich. »Pack ein paar Sachen ein. Wir fahren morgen früh.« Am nächsten Tag, kurz nach Sonnenaufgang, machten sie sich auf den Weg. Die Fahrt nach Dublin dauerte fast vier Stunden, doch die Zeit verging schnell. Sie war erfüllt von Vermutungen, wilden Theorien und viel Musik, die aus dem Autoradio drang. Das Navigationssystem führte sie zuverlässig durch das morgendliche Verkehrschaos der Stadt, vorbei an alten Stadthäusern und modernen Glasbauten, bis sie schließlich in einer ruhigen Straße ankamen. Kyra schnappte nach Luft. »Wow …«, war alles was aus ihrem Mund kam. Sie parkten gegenüber eines prächtigen Backsteinhauses, das wie aus einem historischen Filmkulissenfundus zu stammen schien und gleich gegenüber vom Trinity College Park stand, durch dessen Bäume die Morgensonne goldene Lichtstreifen warf. »Was für ein Zufall«, bemerkte Kyra und zeigte mit dem Daumen über die Schulter zum Park. Megan trat neben sie, die Hand über den Augen, um besser sehen zu können. »Ja, das ist echt seltsam, würde ich sagen«. Ihr Blick glitt über die Fassade. Sie sah große Sprossenfenster mit schmiedeeisernen Gittern, die im Licht glänzten. Hohe Fenster auf der linken Seite mit einem eigenen Eingang. »Ein Geschäftslokal?«, fragte Kyra und schaute ihre Mutter mit hochgezogenen Augenbrauen an. Megan zuckte nur mit den Schultern. An der rechten Seite gab es eine Eingangstür aus dunklem massiven Eichenholz, versehen mit einem vergoldeten Türklopfer in Form eines Drachenkopfes. »Der sieht furchteinflößend aus, sogar von hier herüben«, sagte Kyra grinsend. »Fast so, als würde er einen gleich fressen, wenn man falsch klopft.« Megan schmunzelte und holte die Schlüssel aus ihrer Tasche. Sie klimperten leise in ihrer Handfläche. »Willst du …?« Kyra nahm sie wie einen Schatz entgegen. Ihre Augen glänzten vor Aufregung. »Na klar!« Mit federnden Schritten überquerte sie die Straße, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn mit einem leisen klack um. Die Tür öffnete sich mit einem Quietschen, dass ihr Gänsehaut bereitete. »Sollten wir wohl mal ölen lassen«, sagte Megan trocken und hob eine Augenbraue. »Oder ist es ein Soundeffekt?« Kyra trat vorsichtig über die Schwelle. »Damit wir wissen, dass jetzt etwas Magisches beginnt«. Das Innere des Hauses empfing sie mit dem Geruch nach altem Holz, einer Prise Staub und etwas anderem, das vage nach Lavendel erinnerte. Sonnenstrahlen brachen durch die Fenster, tanzten auf dem Boden und ließen winzige Staubpartikel wie Goldstaub schweben. »Wow …« flüsterte Kyra ehrfürchtig. »Das ist ja wie in einem alten Film.« Megan trat hinter ihr ein. Die Eingangshalle war überraschend groß, die Decke hoch, mit kunstvollen Stuckverzierungen versehen. Ein alter Kronleuchter hing leicht schief von der Decke, als hätte er viele Geschichten zu erzählen. »Ich hätte mit kaputten Wänden und Schimmel gerechnet«, murmelte Megan, während sie langsam den Blick über das Innere gleiten ließ. Kyra öffnete neugierig die erste Wohnungstür im Erdgeschoß und war gleich noch überraschter, als sie es zuvor war. »Mom … ich hatte recht!« Megan trat zu ihr und späte über ihre Schulter. Die Tür führte in ein altes Geschäftslokal. Das Licht fiel schräg durch die hohen Fenster und ließ die weißen Leintücher leuchten, mit denen die Möbel bedeckt waren. Tische, Stühle, eine alte Theke – alles wirkte wie in der Zeit eingefroren. »Ein Café … oder vielleicht ein kleines Bistro?«, überlegte Kyra laut und drehte sich mit einem Lächeln zu ihrer Mutter um. »Könnte man vermieten«, sagte sie nachdenklich. »So kommt Geld ins Haus.« Kyra nickte, trat ein paar Schritte weiter, fuhr mit der Hand über eine der alten Holzstühle. »Oder wir machen es selbst auf«, sagte sie schließlich, ein schelmisches Lächeln auf den Lippen. »Susannas was meinst du?« Megan lachte leise. »Lass uns erst mal den Rest ansehen. Vielleicht entdecken wir ja noch einen Weinkeller mit verborgenen Schätzen.« »Oder ein Spukzimmer mit Geisterkatze«, erwiderte Kyra. Sie grinsten beide und machten sich daran, das Haus weiter zu erkunden. »Bin schon gespannt, was in den oberen Stockwerken zu finden ist?«, rief Kyra, während sie das Geschäftslokal verließ. Ohne zu zögern, hüpfte sie die steinernen Stufen hoch in den ersten Stock, zwei Stufen auf einmal nehmend. Megan hörte ihre schnellen Schritte und musste unweigerlich lächeln. Ihre Tochter war auch mit neunzehn immer noch ein Wirbelwind aus Neugier, Energie und manchmal auch ein bisschen Chaos. Oben angekommen stand Kyra vor einer einzelnen Wohnungstür. »Nur eine Tür? Das ist ja übersichtlich«, murmelte sie, während sie die Schlüssel durchprobierte. Erst beim Dritten klickte das Schloss. »Aha!« Sie drückte die Tür auf, und in dem Moment, als sie eintrat, verschlug es ihr die Sprache. »Hier ist ein Wohnzimmer … oder eher eine Bibliothek.« Ihre Stimme überschlug sich fast. »Mom, sieh doch nur! Eine Bibliothek!« Megan folgte der Stimme ihrer Tochter und stieg gemessenen Schrittes die Stiegen hinauf. Als sie die Wohnungstür erreichte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Der Raum vor ihr war eine Oase für Bücherliebhaber. Regalwände vom Boden bis zur Decke, einige mit kunstvoll geschnitzten Holzverzierungen. Eine massive Leiter war an einer Metallschiene montiert und konnte über die Wand geschoben werden, um die oberen Regalbretter zu erreichen. Ein Fenster auf der gegenüberliegenden Seite ließ warmes Licht ins Zimmer fallen und verlieh dem Staub in der Luft einen goldenen Schimmer. »Wie aus einem Traum«, flüsterte Megan, fast ehrfürchtig. Kyra drehte sich um, ihre Augen strahlten. »Ich könnte hier sofort einziehen. Ich meine das ernst.« Megan schmunzelte. »Lass uns erst mal sehen, was noch auf uns zukommt, bevor du dein Bett hier reinstellst.« »Nur mein Bett?« Kyra zwinkerte. »Ich würde hier eine Hängematte zwischen den Regalen aufspannen und niemals wieder rauskommen.« Sie lachten beide und machten sich dann auf den Weg nach oben in den zweiten Stock, zur letzten Wohnung des Hauses. Die Tür knarrte leise, als sie sie öffneten. Drinnen umfing sie ein ganz anderes Gefühl als in den unteren Etagen. »Hier hat vor kurzem noch jemand gewohnt«, stellte Megan fest und trat vorsichtig ein. Die Räume wirkten, als hätte jemand sie erst vor Kurzem verlassen. In der offenen Küche standen Gläser ordentlich in Reih' und Glied auf einem Regalbrett. Der anschließende Essbereich war in einem charmanten Erker platziert worden. Durch die bogenförmigen Fenster konnte man direkt auf den Trinity College Park sehen. Eine Aussicht wie aus einem Roman. »Oh mein Gott, der Erker ist toll«, sagte Kyra leise. Sie trat ans Fenster, legte die Hände gegen das Glas. »Sowas hab ich mir schon immer gewünscht.« Das Wohnzimmer wirkte wohnlich, mit alten, aber gut erhaltenen Möbeln. Ein samtbezogenes Sofa mit gebogenen Armlehnen, ein niedriger Tisch, auf dem noch eine Vase stand allerdings leer. Alles war sorgfältig mit weißen Leinentüchern bedeckt, als wolle jemand die Erinnerung daran konservieren. Die Wohnung hatte zwei Schlafzimmer, eins in zarten Pastelltönen mit antikem Schminktisch, das andere kleiner, funktional, aber gemütlich. Das Badezimmer überraschte sie mit einer freistehenden Badewanne auf kunstvoll gearbeiteten Löwenfüßen, einer recht großen bodenebenen Dusche und zwei Waschtischen mit ovalen Spiegeln. »Die Wohnung ist noch perfekter als die im ersten Stock«, sagte Kyra schließlich. Ihre Stimme war leiser geworden, nachdenklicher. »Sie hat zwei Schlafzimmer. Caitlin und ich könnten uns das hier richtig schön herrichten vor dem Studium.« Sie blickte ihre Mutter an. Ihre Worte waren zwar als Feststellung formuliert, doch in ihren Augen lag die leise Bitte nach Zustimmung. Megan ging langsam durch den Raum, strich über eine der abgedeckten Kommoden. »Ja, könntet ihr«, sagte sie sanft. »Und die alten Möbel schenken wir Liams Großvater. Der hat sicher große Freude daran«. Kyra grinste. »Stimmt.« Sie verbrachten noch einige Minuten in der Wohnung, bevor sie sich schweigend auf den Weg nach unten machten. Die Eindrücke mussten erst einmal sacken. Den Keller hoben sie sich für den Schluss auf. »Also, ich passe«, sagte Megan und verschränkte demonstrativ die Arme. »Ich bin kein Fan von dunklen Kellerräumen wie du weißt, da gehst du besser allein.« »Na schön, du Angsthase«, meinte Kyra neckend und stieg die Kellertreppe hinunter. Megan blieb oben und lauschte. Kyra fand einen Lichtschalter und ein einzelnes, diffuses Deckenlicht flackerte auf. Sie sah sich um. An den Wänden standen leere Regale, ein paar alte Kisten in einer Ecke und ein verstaubter Tisch, der bloß an die Wand gelehnt war. In der anderen Ecke stand ein massiver Holzschrank, dunkel, mit geschnitzten Verzierungen. Er wirkte, als könne er Geschichten erzählen oder Geheimnisse verbergen. Kyra trat näher und strich mit den Fingerspitzen über das Holz. Der Schrank war verschlossen. Er hatte kein Schloss, aber auch keinen Griff, nur eine Einkerbung in der Mitte. Sie runzelte die Stirn. Es war kaum etwas im Keller, nicht was wirklich erwähnenswert gewesen wäre. Und doch als sie sich umdrehte, um wieder die Treppe hinaufzugehen, blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Ein kalter Luftzug streifte ihren Nacken. Ein seltsames Gefühl überkam sie. Es war wie ein kaum hörbares Flüstern in ihrem Innersten, eine vage Ahnung, die sich nicht greifen ließ. Kyra fröstelte, obwohl es im Keller nicht besonders kalt war. Ihr Blick glitt erneut zu dem alten Holzschrank, und sie konnte nicht anders, als stehen zu bleiben. Etwas daran zog sie magisch an. Es war nicht bloß ein Möbelstück. Nicht bloß altes Holz. Es war, als würde er sie ansehen. Sie setzte gerade an, wieder einen Schritt auf ihn zuzugehen, als ihre Mutter von oben in den Kellerraum hinunter rief. »Was gibt’s da unten so Interessantes zu sehen?« Kyra erschrak leicht, der Moment zerplatzte wie eine Seifenblase. Sie sah noch einige Sekunden zum Schrank, ihre Finger zuckten leicht, doch dann drehte sie sich schnell um und lief die Stufen hinauf.
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